Hugo Rune
Er hatte zuvor schon viele Inkarnationen durchlaufen.
Und dann noch ein paar weitere.
Er war als Nostradamus über die Erde gewandelt, als Uther Pendragon, als Graf Cogliostro und als Rodrigo Borgia. Allerdings wohl nicht in dieser Reihenfolge.
Er sprach siebzehn Sprachen, spielte Darts mit dem Dalai Lama und teilte seinen Schlafsack mit Rasputin. Albert Einstein, Lawrence von Arabien und George Formby. Von einem Kargo-Kult in East Acton wurde er als Gott verehrt, und einmal erkletterte er anlässlich einer Wette mit Oscar Wilde den Mount Everest in Smoking-Jackett und Knickerbockers. Er reiste zur Venus in Begleitung von George Adamski, erfand die Okarina neu und wurde vom Stadtfrauenverband Chiswick als Puppe verbrannt.
Er war ein ausgezeichneter Fechter, ein Feinschmeckerkoch und ein Weltreisender, Dichter, Maler, Stigmatisierter, ein Guru für Gurus, und er hasste Bud Abott. Er konnte eine Sardinenbüchse mit den Zähnen öffnen, ein >Swan Vestas< -Streichholz an seinem Kinn anzünden, Ochsen einfangen, eine Dampflokomotive fahren und sämtliche Werke von Gilbert und Sullivan nachsummen, ohne durcheinander zu kommen oder in Tränen auszubrechen.
Er machte den höchsten Abschluss in Oxford, brachte drei Vermögen durch, schlief mit tausend Frauen, probierte seltsame Drogen aus, verkaufte seine Seele dem Rock’n'Roll, hätte Einstein um ein Haar den Nobelpreis weggeschnappt, hatte Hausverbot in sämtlichen chinesischen Nudelrestaurants in West London und starb in seinem neunzigsten Lebensjahr in einer Absteige in Hastings, ohne einen einzigen Cent in der Tasche.
Sein Name war Hugo Artemis Solon Saturnicus Reginald Arthur Rune.
Und er kannte keine Langeweile.
Er schrieb über acht Millionen Wörter nieder. Seine Autohagiographie “Der bedeutendste Mann aller Zeiten” schildert das Leben eines Individuums, welches das Alltägliche mied, die Gesetze des einfachen Mannes verachtete, den guten Sitten ins Gesicht lachte, die Okarina neu erfand und Bud Abott hasste. Er war eine große Persönlichkeit in einer Ära großer Persönlichkeiten. Ein übergroßer Schatten, der stets im Rampenlicht seiner Zeit stand.
Der Vertraute von Päpsten und Preisboxern, von Reedern und Reizwäschevertreter, von Bonzen und Bauern, Seltsam nur, dass sich heute kaum jemand an ihn erinnert. Sein Hauptwerk, “Das Buch der allerletzten Wahrheiten”, ist schon lange aus den Regalen verschwunden. Die British Library bestreitet, es überhaupt zu kennen. Bestellungen bei Smith’s sind vergebens, und eine kürzlich im Privatdruck erschienene Ausgabe erwies sich als ausgewachsener Schwindel, für den ein gewisser Sir John Rimmer verantwortlich zeichnete, ein falscher Biograph Runes, der zur Zeit im Steuerexil in Kalifornien lebt. “Das Buch der allerletzten Wahrheiten” war Runes Opus Magnum. Ein Lexikon seiner gesammelten Weisheiten.
Darin erklärt der Meister, in einer für jedermann verständlichen Sprache, was es mit dem Leben wirklich auf sich hat: Warum immer zwei kleine Schrauben übrigbleiben, nachdem man den kaputten Toaster wieder zusammen gesetzt hat. Wo die ganzen Schraubenzieher mit gelbem Griff abgeblieben sind. Warum sich Einkaufswagen unter Kanalbrücken versammeln. Woher die Thermosflasche weiß, was sie warm und was sie kühl halten soll. Warum das Aspirin nur Zufallstreffer landet. Wo all die Verkehrszeichen herkommen und sie wieder verschwinden. Der Mythos der “Trocken”-Reinigung. Hundehaufen-Wahrsagerei. Wie Arran-Pullover wachsen, während man schläft. Warum es unmöglich ist, in einer Warteschlange beim Postamt vorne zu stehen und vieles, vieles mehr.
Sein ganzes bewegtes Leben hindurch versuchten die Mächte der Finsternis Rune, daran zu hindern, seine Allerletzten Wahrheiten zu enthüllen. Satanische Kräfte suchten ihn in menschlicher Gestalt heim:
Ehemänner, denen er Hörner aufgesetzt hatte, die ursprünglichen Erfinder der Okarina, der Stadtfrauenverband Chiswick, und die Gesellschaft zur Würdigung der Verdienste Bud Abotts, um nur einige zu nennen. Dazu kamen Vermieter und Gasthausbesitzer, die Betreiber von chinesischen Nudelrestaurants in West London, Milchmänner, Schneider, Schuhmacher, Hersteller von Zauberzubehör, Reiseveranstalter und Weinhändler. Sie alle waren, wie Rune es nannte, dem “kuriosen Irrtum” verfallen, dass “ein Meister seine Rechnungen bezahlen muss, gerade so wie das gemeine Volk”.
Aber obwohl er ständig von Anschlägen oder Rechtsstreitigkeiten bedroht war, scheute Rune niemals, seine Stimme zu erheben, um die Übel beim Namen zu nennen und einen anklagenden Finger darauf zu richten. Sein bescheidenes Ziel war es, das Wissen der Menschheit zu mehren und auf eigene Faust den Weltfrieden zu schaffen.
Das Buch der allerletzten Wahrheiten muss in unser aller Interesse wiederveröffentlicht werden.
(Aus “Das Buch der allerletzten Wahrheiten” von Robert Rankin, erschienen bei Bastei Lübbe)
